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  • Glaube, Liebe,Hoffnung

    BRD 1994, 16 + 35 mm, s/w, 90 Min.


    STAB

    Buch und Regie
    Kamera
    Ton
    Schnitt
    Dramaturgie
    Kameraassistent
    Herstellungsleitung

    Produktion

    Andreas Voigt
    Sebastian Richter
    Patric Stanislawski
    Angela Wendt
    Marion Schöneck
    Frank Penzold
    Klaus Schmutzer
    Herbert Kruschke
    A JOUR Filmproduktion und
    Dokumentarfilm Babelsberg

    BIOGRAFIE

    Andreas Voigt

    Geboren 1953 in Eisleben. Kindheit und Jugendzeit in Dessau. Abitur in Halle/ Saale.
    1972 - 73 Physikstudium in Kraków, Polen. 1973 - 78 Studium der Volkswirtschaft in Berlin
    Ab 1978 Dramaturg und Autor im DEFA Studio für Dokumentarfilme.
    1984 - 87 Regiestudium an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg.
    Von 1987 bis 1991 Regisseur und Autor im DEFA Studio für Dokumentarfilme.
    Seither freischaffend.

    Sebastian Richter

    Geboren 1963 in Berlin. Abitur 1981.
    1983 - 84 Kameraassistent im DEFA Studio für Dokumentarfilme (Mentor: Christian Lehmann) 1984 - 89 Kamerastudium mit Diplomabschluß an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Von 1989 bis 1991 Kameramann im DEFA Studio für Dokumentarfilme. Seither freiberuflich als Kameramann.


    FILME

    1987
    1988
    1989
    1991
    1992
    1994
    ALFRED
    LEUTE MIT LANDSCHAFT
    BEGEGNUNGEN LEIPZIG IM HERBST
    LETZTES JAHR TITANIC
    GRENZLAND, EINE REISE
    GLAUBE LIEBE HOFFNUNG

    FESTIVALS / AUSZEICHNUNGEN

    1994
    1994
    1994


    Uraufführung: Internationales Forum des Jungen Films, Berlin
    Teilnahme am internationalen Wettbewerb des CINÉMA DU RÉEl in Paris
    Grand Prix des FESTIVALS DU FILM DE STRASBOURG

    Prädikat: wertvoll

    INTERVIEW

    Wir in der wohlbehüteten Mitte
    Ein Gespräch mit Andreas Voigt

    „Glaube, Liebe, Hoffnung“- folgt man frühchristlichen Quellen, die drei Säulen des Zusammenlebens, der Gemeinschaft schlechthin. Du näherst Dich jedoch in Deinem Film von der Gegenseite: Befragt werden jene, die zweifeln, hassen und auch resignieren.
    Wenn man Dokumentarfilm als Kunstgenre versteht, ist natürlich immer der Konflikt das Interessante. Daraus, dass sich Dinge reiben und stoßen und auch ausschließen, entsteht ein Spannungsverhältnis und das ist es, was für eine dokumentarische Form der Widerspiegelung von Welt bestimmend ist. Insofern ist der Titel eine kontrapunktische Angelegenheit. Er signalisiert eine ziemliche Abwesenheit von Glaube, Liebe, Hoffnung und bezieht daraus eine Spannung. Doch, wenn ich selbst keine Hoffnung mehr hätte, würde ich auch keine Filme mehr machen.

    In Gesprächen und Rezensionen wurde dem Film mitunter angelastet, dass es sich bei den Hauptakteuren um „Randgruppen“ handle, die im gesellschaftlichen Abseits stehen, deren Situation nicht verallgemeinerbar, übertragbar sei.
    Mit diesen sogenannten „Randgruppengeschichten“ habe ich sowieso meine Probleme: Erstens, weil ich denke, dass jede Gruppe, die es in der Gesellschaft gibt, egal, wie groß sie auch sein möge, das Recht hat, dargestellt zu werden. Das zweite ist, auch wenn kleine soziale Gruppen einfach ausgeschlossen werden, sind sie existent. Aus einer Verleugnung entstehen auf die Dauer immer schwerwiegende Konflikte. Außerdem glaube ich, es handelt sich hier eben nicht um Randgruppenprobleme, wenn diese bis vor kurzem so stabile Bundesrepublik Deutschland - und es betrifft ja nicht bloß Deutschland - von den Rändern und übrigens dann von den sogenannten „Randgruppen“ ausgehend, anfängt zu zerbröseln. Und wir sitzen in der relativ wohlbehüteten Mitte und machen das Normalste der Welt: wir verdrängen die Probleme und warten so lange, bis diese Ränder sich so weit auf die Mitte zubewegt haben, bis der Konflikt eine so große Dimension kriegt, dass er uns entweder überwältigt in der sonnigen Mitte oder uns zwingt, um des eigenen Überlebens willen, neu nachzudenken. Hier setzt die Sensibilität des Dokumentarfilmemachers ein, dass er dieses Bedrohtsein der Mitte eher und auch stärker fühlt und in der Lage ist, ein künstlerisches Abbild zu schaffen. „Randgruppen“ sind das auch deswegen nicht, weil man das, was diese jungen Leute formulieren, an jedem deutschen Stammtisch von Bitterfeld bis Wane-Eickel hören kann.

    Es geht ja um bestimmte Denkansätze und Verhaltensmuster, die - sicher nicht immer in dieser Radikalität - schon fast zu Allgemeinpositionen geworden sind.
    Sicher, es geht ja auch nicht um rechts oder links - „Papa“ formuliert das sehr genau - es geht um existentielle Ängste, um Haben und Nicht-Haben, um Verteilung von Dingen in einer Welt, wo diese Dinge natürlich auch bedrohter, knapper werden. Und so bist du gezwungen, diesen Reichtum, den du hast, zu verteidigen gegen die übrigen. Nichts anderes passiert momentan: die reichen Staaten Europas, Nordamerika und Japan grenzen sich ab gegen die ärmeren. Das hat überhaupt erstmal nichts mit Ideologie oder Gut und Böse zu tun, auch mit Moral nicht, obwohl man es gern moralisch diskutieren möchte. Es handelt sich um knallharte Wirtschaftsmechanismen und denen kann man sich nicht entziehen. Der Spielraum in einer so wahnsinnig arbeitsteiligen Gesellschaft und Welt ist für das Individuum und die politischen Kräfte eines Landes gar nicht so riesig groß. Und es wird immer größere Gruppen von Leuten geben, die werden aus
    diesem gesellschaftlichen Produktionsprozess herausfallen. Das ist einfach die brachiale Wirkung von Ökonomie und hat mit Ideologie und Moral überhaupt nichts zu tun.

    Doch im Film spielen Moralvorstellungen eine entscheidende Rolle, denn immer wieder befragst du die jungen Leute zu bestimmten Werten, forderst ihre Haltungen dazu heraus. Und ein Spannungsfeld entsteht ja schon dadurch, dass du von „außen“ ganz andere Normen an sie heranträgst.
    Wenn ich über all das nachdenke, was stattgefunden hat, merke ich, dass die grundsätzlichen Vorstellungen vom Leben gar nicht so verschieden sind, ihre und meine. Jeanine formuliert es an einer Stelle mal sehr schön: eine Familie, eine Wohnung und Kinder. Also ein bisschen alltägliches Glück. Schwierig wird es, wenn man in Situationen kommt, wo dieses alltägliche Glück offensichtlich nicht mehr für alle erreichbar ist. Da kollidieren dann die Werte der Mitte mit den Möglichkeiten der so genannten „Ränder“, diese Werte überhaupt zu erleben. Hinzu kommt, dass diejenigen, die in den Randbereichen leben, egal, ob in Deutschland, Europa oder sonstwo, natürlich spüren, dass die Chance, jemals zu diesen gesicherten Werten zu kommen - zu sozialem Prestige und Wohlstand, die daran gebunden sind -, sehr klein ist und auch schwindet. Und wenn sie merken, dass diese Werte nicht mehr erreichbar sind und damit in ihrem Leben keinen Sinn mehr machen, dann suchen sie sich einfach andere Werte. Wobei die Ausprägung graduell sehr verschieden ist, die einen reagieren schneller gewalttätig, andere sind zurückhaltender. Aber ich halte es für zu einfach zusagen: Die einen sind gut und die anderen sind böse, und das Böse muss man niederhalten. Mit meiner Moral ist es natürlich nicht zu vereinbaren, wenn jemand sagt, ich bringe jetzt jemanden einfach um. Auf der anderen Seite ist es anscheinend mit dessen Moral sehr gut zu vereinbaren. Der wird überhaupt nicht diesen wahnsinnigen Konflikt verspüren, wie ich ihn verspüre, weil dessen Wertgefüge ein völlig anderes ist.

    Wie erreichst du trotzdem diese ungewöhnliche Offenheit deiner Gesprächspartner?
    Ich denke: Es ist wie mit der Liebe. Man muss sich so genau kennen, dass man alles miteinander machen und über alles miteinander reden kann und man darf sich nicht so genau kennen, dass man sich nichts mehr zu sagen hat. Und aus diesem Verhältnis kann dann etwas entstehen, muss aber nicht. Es hat eben mit Lebenshaltung und Handwerk zu tun, mit Situationen, die wir schaffen, auch konkret mit dem Raum, in dem das stattfindet; mit der Beziehung, die sich in diesem Raum entwickelt, zwischen denen, die vor der Kamera sitzen und uns.

    Du gibst dich nicht mit Momentaufnahmen zufrieden, sondern versuchst, von den Wurzeln der Kindheit, des Elternhauses an Entwicklungen verständlich zu machen. Es rückt so die Position des Opfers in den Vordergrund, die Gefühle des Mitleids erweckt. Ein Angriffspunkt des Films, dem man dadurch eine Verharmlosung der rechten Szene vorwirft.
    Sie sind Täter und sie sind andererseits auch Opfer. Das Schwierige ist die Darstellbarkeit. Täterverhalten kann sich sowohl im Nachdenken und im Reden über solche Dinge, als auch in direkter Aktion ausdrücken. Was hier stattfindet, ist mehr die Gewalt in den Köpfen, die verbale Gewalt. Was wir nicht gemacht haben, ist die direkte Darstellung von Gewalt. Das ist für mich überhaupt die Frage, ob so etwas legitim ist, denn wir machen ja bewusst keine Fernsehberichterstattung. Mit so einer großen Kamera dort hinzugehen, das hätte schon fast den Charakter einer Aufforderung, damit wir es dann drehen können. Das ist für mich ein Punkt, den kann ich nicht überschreiten. Deshalb gibt es in der Tat ein scheinbares Missverhältnis zwischen der Opfer- und der Täterrolle. Auf der anderen Seite sind diese jungen Leute natürlich auch Opfer der Verhältnisse, in denen sie leben. Ich setze allerdings auch beim Zuschauer voraus, dass er all das einordnet in einen größeren Zusammenhang. Und wenn André sagt, es mache Spaß, ein Ausländerwohnheim zu überfallen, oder Dirk im Knast auf den Einwand, Fremdenlegion bedeute töten für Geld, antwortet: „Sicher würde es für mich dann auch bedeuten: töten für Geld.“ - eine gewalttätigere verbale Position kann man für sich schon kaum mehr annehmen. Aber kommt diese Gewalttätigkeit, die in diesen Sätzen steckt, überhaupt noch heran an den Zuschauer in einer Medienlandschaft, wo offensichtlich nur noch die äußerste Form der Darstellung von Gewalt bei Leuten eine Reaktion hervorruft? Das ist allerdings eine Frage.

    Gerade durch die Montage kommt auch eine Art Ironie zum Tragen. So werden Hoffnungen und Wünsche wieder gebrochen, wenn Klaus noch „auf die Straße gehen“ will und darauf der Karnevalszug marschiert oder wenn Träume von der Ferne bei der McDonalds-Reklame stoppen: Waren diese Brüche schon in der Konzeption angelegt?
    Sicher, in dem Moment, wo ich darüber nachgedacht habe, wie dieser Film werden könnte, sind diese Brüche bewusst angestrebt worden. Nicht, weil ich sie mir ausdenken wollte, sondern, weil sie eben mit sehr realen Lebenssituationen korrespondieren. Und das ist auch das Faszinierende für mich, dass Konflikte gerade in solchen Bildern sichtbar werden, nicht nur verbal auftauchen. Als wir diesen Karnevalszug gedreht haben, war noch nicht klar, welchen Platz er im Film einnehmen würde, aber irgendeine Bedeutung musste diese groteske Situation dort vor dem Völkerschlachtdenkmal schon kriegen. Andererseits bin ich nicht so ein Purist. Ich glaube, dass Cinéma verité gibt es sowieso nicht. In dem Moment, wo eine Kamera da ist, ist die Situation eine andere. Die Kamera hat einfach nur die Aufgabe, die Situation sensibel zu beschreiben und auch die Dinge hinter den Bildern zu ergründen. Es gibt für mich da immer einen Satz von Faßbinder, der mal gesagt hat: Eine Einstellung ist der Blick der Kamera, die kann man nicht probieren, die hat man.

    Es ist jetzt eine Situation eingetreten, dass durch bestimmte Ereignisse, ich meine die „Schneider-Affäre“ und ihre Vermarktung durch die Medien, diese Randfigur eine ganz andere Gewichtung und Position im Film bekommen hat und dadurch die Jugendlichen in ihrem Umfeld in den Hintergrund geraten.
    Die Person Dr. Schneider ist für mich gar nicht so entscheidend - es könnte auch Herr Schulze oder Herr Lehmann gewesen sein. Er ist insofern wichtig, weil er einen extrem anderen Pol dieser Gesellschaft markiert und sich zwischen diesen unterschiedlichen Polen dann ein Spannungsverhältnis aufbaut, und das interessiert mich. Er zeigt natürlich das Eingebundensein nicht nur der jungen Leute, sondern auch des anderen Teils der Gesellschaft in den Gesamtzusammenhang. Und da, glaube ich, geht der Film über bisheriges hinaus. Das ist auch das Besondere, dass Leute in einem Film zusammenkommen, die ja normalerweise gar nichts miteinander zu tun haben. Das Verrückte ist nur, dass auf einmal - durch so einen Fall wie Schneider und den Zusammenbruch eines großen Firmenimperiums - die Mechanismen bloß und nackt daliegen, offenliegen, für jedermann sichtbar sind. Aber, dass es nun gerade in diesem Film und mit dieser Person passiert, das ist einfach nur Zufall. Das Leben ist oft mehr Klischee, als wir es uns gemeinhin vorstellen und wahrhaben wollen.

    (Aufgezeichnet von Heidrun Budkiewitz
    Berlin, April 1994)


    TEXTE ZUM FILM

    „Die Kinder von Josef Stalin und Club-Cola“ - Filmzitate

    André: Das, Mensch, ich meine, das war damals bei Hitler. Das ist jetzt 50, 60 Jahre her. So. Damit habe ich eigentlich nichts zu tun. Bloß, ich finde es idiotisch, dass einem als Deutschen das immer vorgeworfen wird.

    Mathe: Wie ich leben will? Auf gar keinen Fall wie ein STINO. Also, das kotzt mich an, das ganze STINO-Getue. Die Schlips-Kacke hier! Na, ganz normal lustig leben.

    Jeanine: Jeder kümmert sich nur noch um sich selbst, ist sich selbst der Nächste.

    André: Na ja. Ernst, ob das nun Ernst ist? Das macht Spaß - so ein Ausländerwohnheim überfallen.

    Dirk: Meiner Ansicht nach greift das Volk praktisch die unterste Stufe an, die für das Volk erreichbar ist. Und das sind die Asylbewerber, die Asylanten.

    Matze: Die Gewalt? Wie soll denn die in mich reingekommen sein? Die ist schon immer in mir drin gewesen! So weit ich denken kann!

    André: ... viel kann man mit Gewalt nicht erreichen, weil dieser Staat gewalttätiger ist als wir paar Skinheads oder wir paar Jugendliche.

    Papa: Na ja, Träume, Hoffnungen ... Also, dass es irgendwann mal wieder so wird wie früher. Dass die Menschen sich wieder untereinander helfen. Vielleicht auch mal wieder ein bisschen näher zusammenrücken.

    Matze: Also, Arbeit ist erstmal wichtig. Man muß ja heutzutage froh sein, ausgebeutet zu werden!

    Dr. Schneider: Es kommt darauf an, dass man ein gemeinsames Ziel verfolgt und dass man gemeinsam das Boot rudert und am gleichen Strick ziehen.

    Klaus: Wir waren doch bloß Pumpel für die. Das sind wir heute, und das bleiben wir ewig. So lange, wie wir hier leben.



    Die vier Leipzig - Filme

    Alfred ist nicht mehr dabei, als der Staat, den er trotz aller Blessuren und Enttäuschungen als seinen sah und verteidigte, ruhmlos von der Weltbühne abtritt und vogelfrei wird. Aber Voigt und Richter fragen weiter nach Ereignissen, Gründen, Motiven, erkunden Hintergründe, halten den weltgeschichtlichen Moment in individuell-anekdotischen Abläufen fest. Obwohl in der Euphorie des gewaltlosen, aber zunehmend lautstarken Umbruchs, bietet dieses Leipzig im Herbst kein blauäugiges Bild. Man weiß und sieht zuviel, um ahnungslos zu bleiben.
    Das war die Voraussetzung, um in den unmittelbar folgenden zwölf Monaten genau zu sehen, zu hören, zu verstehen. Offen für die oft unerwarteten Tatsachen, Haltungen, Reaktionen, fanden Andreas Voigt und Sebastian Richter in LETZTES JAHR TITANIC den zeitgerechten Ton für den Bericht über die Demontage eines Staates, die Liquidierung eines Sozialmodells und den gleichzeitigen Abgang einer Kurz-Revolution, über die Entwurzelung von Existenzen und Biografien bei gleichzeitig massiver Restauration gemeinhin für tot gehaltener alt-national-traditioneller Werte und Mächte, begleitet von der unvermeidlichen Relativierung lang ersehnter und neu gewonnener Freiheiten. Es ist jener Ton der Tragikomödie und Groteske, bitter, sarkastisch, zornig. Keine Larmoyanz, keine Schadenfreude, keine Geschichtsrehtuche, weder altgediente noch neubeflissene. Kabaretisten schaffen eine Clowns-Ebene der Reflexion, die zugleich Teil von Dilemma und Chaos ist. Sie reflektieren so auch die Befindlichkeit der Filmemacher selbst. Menschen und Bilder von präziser Konkret- und Direktheit, daneben und darin Mehrdeutiges, noch Konturloses, Symbolträchtiges. Der Arbeiter ohne Gießerei, die Journalistin mit Stasi-Belastung, junge Leute, die gewohnte Orientierung und Feindbilder verloren haben, neue Gewalt erfahren und aufbauen, Existenzgründungs-Illusionen, der Rettungstrend nach Westen und die Beharrung im Osten, der „Red Skin“ John zwischen Mozart, Gewaltbereitschaft und praktischem Samaritertum für einen hilflosen Alten - Leipzigs lebensräume, Plätze und Straßen: die Stein- und Fensterfronten schweigen beredt über Katastrophen, Träume, Pläne und Ängste. Die Bilder sind lauter stumme Fragen.
    Leipzig, die Stadt, in der die Dinge besonders hart aufeinandertreffen, die Stadt, mit dem besonderen Licht, wo alles besonders deutlich passiert. Stimmt das also mit der „Treue“ der Filmemacher zu dieser Stadt? Der Begriff zeigt sich als ungenau, moralisiert, unterstellt Altruismus, wo elementares professionelles Interesse, ja Egoismus des Künstlers im Spiel ist: „Filmemachen heißt für mich, Dinge, die mich selbst bewegen, abzuarbeiten. Das ist wie im dunklen Keller sitzen und singen, um nicht so viel Angst zu haben“, sagt Voigt im „Kreuzer“.
    Ein merkwürdiges, treffendes und zugleich provozierendes Bild im Kontext zum vierten Film aus und über Leipzig. Merkwürdig, wie zunächst auch der Titel erscheinen mag: GLAUBE LIEBE HOFFNUNG - das assoziiert des Paulus' Briefe an die Christengemeinden, Beschwörung von Werten, die Gemeinschaft stiften und befördern. Und es erinnert an ein Theaterstück Ödon von Horvaths, dessen Uraufführung durch Heinz Hilpert 1933 in Berlin von den Nazis verhindert wurde. Was Alfred Polgar damals über Horvaths Stück schrieb, wirkt beunruhigend nah und lässt Andreas Voigts Filme und Figuren noch schärfer und hellsichtiger erscheinen:
    „Kein Wunder, dass den Zuschauer aus den Theaterstücken dieses glänzenden Desillusionisten das ziemlich Trostlose einer entzauberten, in ihrem schnöden Mechanismus bloßgelegten Welt kalt anweht. zum Ersatz freilich auch die ganze Komik einer solchen. Nichts ist witziger als die Wahrheit. Und kein skurrilerer Anblick als jener, den sie bietet, wenn sie sich nackt unter die Leute mischt.“
    Man erkennt deutlicher die besondere Qualität dieser Filmarbeit und ihrer Ergebnisse: Der Regisseur verleugnet in keinem Moment die eigene Position oder Meinung, aber er macht sie weder gegenüber den Partnern noch dem Zuschauer zum Bezugswert oder Maßstab. Er ist offen, will wirklich zuhören, erfahren, fragt beharrlich, aber behutsam, mal insistierend, dann sich zurückziehend. Dass sein Fragen dennoch des öfteren verunsichert, einer großen These die Luft herauslässt, bekräftigt nur die Methode, die vor allem menschliche Haltung ist und macht das Schreckliche durch die Komik der Wahrheit noch alarmierender.
    Zwei Jahre nach dem „Titanic“- und Einheits-Jahr 1990 sind die Filmemacher zurückgekehrt. „Leipzig Dezember 1992 - Dezember 1993“ lautet der Untertitel. Ihre eigentlichen Partner und Protagonisten sind um und knapp über Zwanzig, drei junge Männer, eine „Braut“. Sie sehen sich am Rand einer Gesellschaft, die sie sozial und moralisch deklassiert hat und der sie - Ursache und Folge sind kaum je auseinanderzuhalten - fremd, ohnmächtig und gewaltbereit, bitter und zynisch gegenüberstehen. Sie sind, was „man“ radikal nennt, angstvoll, verständnislos, verächtlich.
    Bis auf „Papa“, der über das spiegelverkehrte Ineinander „Rechts“ und „Links“ philosophiert, zählen sie sich der rechten, nazinahen Szene zu, illustriert von Bildern und Emblemen in den Zimmern. Dirk ist anfangs in U-Haft wegen einer Schlägerei mit Ausländern, er war Unteroffizier der Nationalen Volksarmee, hat sich die Berufslaufbahn als Fallschirmjäger verpatzt, politisch, wie er sagt. Denkt an Fremdenlegion: „Wenn die UNO oder die Bundesregierung jetzt beschließt, die Bundeswehr zu irgendwelchen Brennpunkten zu schicken, dann bedeutet das auch bloß: töten für Geld.“ Sie haben keine oder negative Gefühlserinnerungen an Kindheit und Zuhause, waren in Heimen. Sie haben die Lehre verloren oder abgebrochen, beendet, aber keinen Job bekommen. Einer aus dem Umfeld - er hat gerade eine Bewährungsstrafe eingefangen, wegen der Gewalt, „Die ist einfach in mir drin!“, - sagt:
    „Man muss ja heutzutage froh sein, ausgebeutet zu werden!“

    Schreiend der Widerspruch zwischen Thesen und konkreten Sehnsüchten und Vorstellungen. Die Anti-Spießer-Slogans verpuffen ins Leere, wenn nach dem Stattdessen gefragt wird. Die Braut will natürlich Wohnung, Mietvertrag und „irgendwann mal Kinder kriegen und so“. Und wenn sie später - nach Dirks Reden über eine neue Gewalt, die nicht mit ihren Gegnern „zu zimperlich und zu nachsichtig“ umgehen wird, wie alle bisherigen Systeme, gefragt wird, ob sie Angst habe, wenn sie das hört, antwortet sie langsam, aber entschieden: „Wovor?“
    Schockierend, wenn André mit dem glatzköpfigen Baby-Gesicht, der so rührend seinen Weihnachtsmann spielt und so liebe- und sehnsuchtsvoll mit seinem Wellensittich spricht, sein Lied „Ausländer 'rein, 'rein ins
    Gas“ singt - schier unerlaubt lang, mit Recht! -, lachend als folgenlosen „fun“ verteidigt und mit der Auschwitz-Lüge David Irvings rechtfertigt, um schließlich wie jeder deutsche Durchschnittsbürger auf den Abstand von fünfzig Jahren zu verweisen und seine Ruhe einzuklagen. Ein Radikaler? Ein Kind dieses Landes, dieser Gesellschaft und landläufiger Ansichten zwischen Bundestag und Stammtisch.
    Die Eltern Polizisten gestern und heute, der leibliche Vater Philosoph, vermutlich abgewickelt („Philosophen? Haben die eine Zukunft?“). Er weiß schon, dass Gewalt nichts bringt, gegen die viel Stärkere des Staates. „Noch“ - das klingt drohend. Aber mit ein bisschen Geschichte ab 1918 und ab 1950 begreift man es als kindisch: Dieser Radikalismus hilft allemal nur, die restaurative Gesellschaft unter periodischen Druck zu setzen und nach Rechts zu verändern. Nur: die Kleinen wissen meist nicht, wozu sie gut und schlecht sind ...

    Alle Begegnungen mit diesen Jungen erzählen von Leere und Einsamkeit, von Liebesentzug und Gefühlsdefiziten. und von Ängsten, die mit Brutalität und Gewalt kompensiert werden. Nicht nur Andreas Voigt singt im Keller, Angst zu besiegen. Sein Film führt uns weit. ...
    Aber Voigt und Richter erzählen mehr: Sie konfrontieren uns und, indirekt, ihre Partner mit dem „anderen Leipzig“. Da ist Klaus, der ehemalige Arbeiter des ehemaligen Prüfmaschinen-Werks im Kombinat „Fritz Heckert“, in dem nun, immerhin, Kultur veranstaltet wird. Zwischen der Resignation des „ewigen pampels“ und der heftig hilflosen Drohung mit der Straße, Epilog der herrschenden Klasse mit der historischen Mission. ... Und dann ist da Herr Dr. Schneider, Immobilienkäufer und König, Investor und hofierter Boss der Leipziger City. Er verkündet die neue Volksgemeinschaft mit allen im gleichen Boot und am gleichen Strick. ... So wird die Gesellschaft komplett, die nicht nur Leipzig repräsentiert, sondern unser Land in diesem Moment.
    Auch dies gehört dazu: Bevor Dr. Schneider seine Konten abräumte und vor dem Konkurs abtauchte, erwirkte er noch eine Einstweilige Verfügung gegen den Film, weil er nicht in einem pessimistischen Werk gegen Leipzigs Aufschwung mitwirken wolle. Ein Boulevard-Blatt beklagte lauthals die Vergeudung von Steuergeldern für einen „Film gegen Leipzig“. Wahrheit und Nachdenken sind in deutschen Volks- und Menschengemeinschaften wenig gefragt: Andreas Voigts erster Film ALFRED musste 1987 auf seine Freigabe warten, weil er ein zu negatives Bild des sozialistischen Leipzig und einer kommunistischen Biografie zeigte ... (Klaus Wischnewski)


    Deutsche Befindlichkeit - ein Schlaglicht auf die BRD

    Einer der „Hauptdarsteller“ des Films GLAUBE LIEBE HOFFNUNG ist der Immobilienunternehmer Dr. Jürgen Schneider. Er hatte 1994 unter Hinterlassen milliardenschwerer Kreditschulden die BRD mit unbekanntem Ziel verlasen. Die Deutsche Bank hatte ihn wegen Betruges angezeigt, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Doch kurz bevor er sich unsichtbar machte, hat der Baulöwe noch zum Prankenschlag ausgeholt: Mit einer einstweiligen Verfügung erzwang er, dass die Passagen von GLAUBE LIEBE HOFFNUNG in denen ein Interview mit ihm präsentiert wurde, aus dem Film entfernt werden mussten. So entschlossen sich Produktion und Verleih, den Film bis zur gerichtlichen Klärung, also bis zur Zulassung der ursprünglichen Fassung mit den unternehmerischen Selbstbekenntnissen des Flüchtlings („Es kommt darauf an, dass man ein gemeinsames Ziel verfolgt und dass man gemeinsam das Boot rudert und am gleichen Strick zieht“) in den Kinos mit Kopien zu zeigen, bei denen die entsprechenden Passagen durch Schwarzfilm ersetzt sind. Die Zuschauer, welche diese zensierten Kopien sahen, erhielten also die einzigartige Chance, sich während der Dauer des Schwarzfilms an die Zeitungsüberschriften einer unterhaltsamen Woche zu erinnern:

    Leipziger Volkszeitung, 12.4.94
    Vorstand bestürzt: Schneider-Konten blockiert. Aus allen Geschäften ausgestiegen und mit unbekanntem Ziel verschwunden.

    Die Woche, 14.4.94
    Der Chef ist weg. Deutschlands größter Immobilienskandal. Milliardenverluste für 50 Banken.

    Frankfurter Rundschau, 14.4.94
    Zehn Milliarden Schulden? Kanzler mahnt die Banken.
    Frankfurter Rundschau, 15.4.94
    Staatsanwalt verfolgt Schneiders Spuren. Deutsche Bank zeigt Schneider wegen Betrugs an.

    FAZ, 15.4.94
    Schneider ein Großkunde bei der Treuhand. Viele Forderungen gegen Schneider werden ins Leere laufen.

    Frankfurter Rundschau, 16.4.94
    Schneider-Konkurs kostet die Stadt Millionen

    taz, 16.4.94
    Das gierige Schneiderlein ist pleite. Die Banken sind im Schneider.

    Tagesspiegel, 17.4.94
    Enttäuschter Wunderglaube in Schneider-City. Nach dem Verschwinden des Baulöwen fürchtet Leipzig um seine Renommee als Stadt des Aufschwungs.

    Tagesspiegel, 17.4.94
    Treuhand beantragt Zwangsvollstreckung. An der Schneider-Misere ist auch die Regierung schuld.

    Bild am Sonntag, 17.4.94
    Die märchenhafte Welt des Pleite-Milliardärs. Baulöwe Jürgen Schneider - wie er lebte, liebte und flüchtete.

    Spiegel, 18.4.94 (Titel)
    Der Pleite-König. Milliarden-Versagen der Banken. „Immer volle Pulle“.

    taz, 18.4.94
    Schneiders Abschiedsbrief unterschlagen. Deutsche Bank im Zwielicht.

    taz, 19.4.94
    Bundeskriminalamt übernimmt Ermittlungen